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Es gibt im Grunde keinen Ort in einer Stadt
an dem man nicht zusammenkommen kann, Das Küchenmonument macht sogar
eine Autobahnbrücke zum einladenden Ort, Wie in einem Raumschiff
sitzen die Gäste hier und schauen in die surreal verzerrte Stadt.
Über einem sowie rechts und links donnern die Sattelschlepper vorbei,
doch trotzdem wird auch heute unbeirrt gekocht und serviert. Nachbarn
schauen neugierig aus anliegenden Gebäuden und wundern sich über
die seltsame Gesellschaft vor ihrer Haustür.Unter der Autobahnbrücke
an der Plessingstraße waren die Gastgeber und Köche: Jörg
Zboralski, Robert Bosshard und GOGOFOOD. These: Schluss mit dem Gejammer über passives Wahlverhalten, überforderte Kulturplanung, über den klassischen Zusammenbruch der bürgerlichen Öffentlichkeit innerhalb der, weil schwerindustriell geprägt, stillgelegten Kulturregion. Der Stadtrumor bezüglich der Depression an der Ruhr ist bezüglich der verloren geglaubten urbanen Funktionen in eine künstliche Reanimation der öffentlichen Fantasien überzuführen. Das Chaos der Hinterlassenschaften und Altlasten des abgezogenen Fluchtkapitals muss im Rahmen paradoxer Interventionen und sekundärnatürlicher Transformationen der Leerstände, Brachen und Zumutungen in Angriff genommen, in ratlose (also ohne Ratsbeschluss) Besetzungen transformiert werden, zu "Freeland"-Initiativen, für künstlerische Basisinitiativen in Anspruch genommen werden, um innovative Kollektivbildungen zu provozieren, Basisspielräume zu organisieren, innovative Kunstkonzepte zu performatieren. Zwecks Wiederbelebung der subkulturellen Vitalität versus der hochkulturell erinnerten Repräsentanzanliegen; zur Stärkung aktueller Selbstbehauptungen gegenüber den mitreissenden Todesliturgien des in selbstmitleidiger Melancholie versinkenden Mainstreams; trotz Budgetlosigkeit und Atemnot … ein Wiedererwachen der politischen Kunst initiieren. Konzept: Es gilt also eine "neue", den Erscheinungsformen der "sekundäre Wirklichkeit" angepasste Öffentlichkeit zu beleben, um die Wahrnehmung und den Glauben an die Gestaltbarkeit jener die öffentliche Fürsorge offenbar überfordernden Stadträume wieder herzustellen, um also die Unwirtlichkeit der primär noch durch Verkehrsanforderungen und Haushaltsverknappungen geprägten Szenerien mit neuer Attraktivität zu versehen. Hierfür bedarf es primär einer Neudefinition der sekundärnatürlich geprägten (durch die historische Kultivierung der Stadt dysfunktionalisierten) Stadträume, einer experimentellen, transitorisch erprobten, nomadenhaft inganggesetzten Neubesetzung jener schäbig wirkenden Ecken und hinterlassenen Stadtreste, die, oft akustisch geschützt, nachbarschaftlich angebundene, in hervorragender innerstädtischer Lage und ästhetisch skurril, wie zur Nutzung als "Eventzonen" prädestiniert, herumliegen. Jeder innerstädtische, ungenutzte Ort ist unter diesen Bedingungen ein Zukunftsraum, und insofern eben per Definition schon, ein Platz für Fantasie und öffentlicher Kommunikation, ein potentieller Kunstraum. Durch die Neudefinition der "sekundären Öffentlichkeit", des paradoxen Zustands der "Privatisierung der Öffentlichen Funktionen", ist gleichfalls neuartig das Kunstpublikum als "im Massenkonsum individualisiertes Privates" zu verstehen, also paradox zur klassischen Öffentlichkeit als "Inneres im Äusseren, also rein privat im öffentlichen Raum sich Aufhaltendes" aufzufassen. Verlauf: Um die Stadtbewohner für derartige öffentliche Prozesse zu gewinnen, bedarf es einer persönlichen Einladung; um sie vor Ort sich wohl und sicher fühlen zu lassen, bedarf es der persönlichen Zuordnung; damit dieses Publikum sich im Rahmen der Aktion gehenlassen und amüsieren kann, bedarf es der Szenenzugehörigkeit im Sinn von Kennerschaft respektive Hinführung; und um auch in der Anonymität den eigenen Status mitreflektieren zu können, bedarf es des Privilegs der exklusiven Darbietung. Hierfür galt es also eine künstliche Öffentlichkeit herzustellen, multimedial und einmalig improvisiert, von professionellen Künstlern angeleitet und bespielt, diesmal in Form eines ortsspezifisch überhöhten, ironisch dargebotenen und schwelgerisch gefeierten Abendmahls nach beinah mythologischem Vorbild. Inszeniert inmitten des Verkehrsgetümmels, in der berliner, an eine Fruchtblase gemahnenden, ohne eigenen Statik transparenten in die hinterste Ecke einer Strassenüberführung geklemmten, transparente, attraktiv bestuhlten und reich ausstaffierten Stoffinstallation. So war ein verzauberter Ort entstanden, ein Stadttresor, exakt in der räumlichen Mitte zwischen der Unterhaltungsmeile um den Dellplatz und dem Bordell an den Stadtwerken. Ein exquisites Publikum hatte sich aufgrund der gezielten Einladungen (ein Drittel "Offizielle", ein Drittel "Nachbarn", ein Drittel "Künstler und Freunde") eingefunden. Der Raum war über sechs Stunden voll besetzt. Als Entree gab's Muscheln aus dem Duisburger Vorzeigeprojekt, nämlich dem Umgenutzten Innenhafen mit Zitrone serviert; zum Hauptgang die lokaltypischen Pommes aus Industriebrachenkartoffeln zum Selberschnitzen, danach das ruhrtypische Raclette für die Arbeitspausen, also Weichkäseaufstrich mit Gürkchen, und schliesslich zum Abstich und abschliessendem Feuerwerk je nach Wahrnehmung "Poires flambées", das ganze im halbstündigen Rhythmus untermalt und überspielt, je nach Temperament, von der Autorin Christine Sohn durch die Rezitation eigener Gedichte, dem DJ "tillomat 69" als Stimmungsmacher, den Propagandisten der "kaka-bewegung" für politische Kunst, Jörg Paul Janka/Claudius Wachtmeister als Filmautoren und Birgit Pollok Tanz. Fazit: Derartige, wie beschrieben, Künstlerinitiativen zwecks Mitgestaltung einer "Neuen Öffentlichkeit" können sich, weitgehend improvisiert von Fall zu Fall und autonom organisiert, bei entsprechend liberaler lokaler Unterstüztung, und bei in der Entwicklungsphase entsprechender Subventionierung, in allen noch vorprivatisiert liegengelassenen, also besetzbaren städtischen Leerräumen realisieren. Sie vermögen nicht klassich der gesellschaftlichen Meinungsbildung dienen, diese Aufgabe haben jenseits der politischen Parteien die Massenmedien und demoskopischen Institute an sich gerissen und aufgekauft, sondern ermöglichen einigen interessierten Bewohnern, sich im frei zugänglichen Stadtraum von Fall zu Fall etablierende, was, nach unserer Beobachtung, ansteckend sein kann, denn es hätten manche Folgeveranstaltungen noch gefüllt werden können, "rein privat" in der Öffentlichkeit, "Anlässe", um die Bürger angstfrei und optimistisch zurück in den Stadtraum zu bewegen. Vielleicht ist dies noch wenig, möglicherweise aber auch eine experimentelle und damit sinnvollerweise zu fördernde kulturelle Initiative im Kontext einer zusätzlichen Kultivierung Robert Bosshard / Joerg Zboralski |
Duisburg 06 v3 |